Glücklichsein beim Essen


„Essen ist ein Symbol für Liebe, wenn Worte nicht ausreichen.
Eine Mahlzeit mit einem Freund zu teilen, ist eine Möglichkeit, nicht nur unseren Körper, sondern auch unsere Seele zu nähren.“


Mary Frances Kennedy Fisher (amerikanische Essayistin, 1908 – 1992)



Dass leckeres und gesundes Essen glücklich machen kann, überrascht Dich sicher nicht – mich ebenso wenig. Darüber gibt es wohl auch mehr Veröffentlichungen als zu vielen anderen Themen.

Als ich jedoch kürzlich in einem Artikel im Spektrum der Wissenschaft über den World Happiness Report 2025 stolperte, war ich doch verblüfft, wie stark noch eine andere Komponente unser Glücksgefühl beim Essen beeinflusst. (Falls Du den Bericht – auch „Weltglücksbericht“ genannt – noch nicht kennst: Er wird jährlich vom Wellbeing Research Centre der University of Oxford veröffentlicht; den Link findest Du unten.)


Eine der Fragen, der der diesjährige Report nachging, lautete: Wie wichtig sind gemeinsame Mahlzeiten für unser Glück?


In vielen Ländern sind sie fester Bestandteil des Alltags. Ich denke gerne an meine Zeit in Barcelona zurück: an die großen Cenas, Abendessen mit Familie und vielen Freunden, die regelmäßig stattfanden. Ich fühlte mich dort stets geborgen und zugehörig. Umso einsamer und etwas verloren kam ich mir vor, wenn ich – wie in den ersten Wochen meines Jobs dort – allein in einer Tapas-Bar saß.


Auch im religiösen Leben spielt gemeinsames Essen eine zentrale Rolle – vom jüdischen Schabbatmahl bis zum Fastenbrechen im Ramadan. Diese Verbindung zwischen Gemeinschaft und Essen zeigt sich sogar in den Wurzeln verschiedener Wörter: Das englische companion (Gefährte), das französische copain (Freund) und das italienische compagno (Kumpel) gehen alle auf die lateinischen Begriffe cum (mit) und panis (Brot) zurück. Selbst im Chinesischen findet sich eine Parallele: huǒbàn (伙伴), „Begleiter“, soll auf die gemeinsame Mahlzeit am Lagerfeuer anspielen – wörtlich „Feuerkamerad“.


Der World Happiness Report zeigt eine deutliche Korrelation zwischen gemeinsamem Essen und gesteigertem Glücksempfinden. Je seltener Menschen in einer Gesellschaft zusammen essen, desto stärker fällt der Glücksgewinn aus, wenn es doch geschieht.
Während in Lateinamerika im Durchschnitt mehr als zwei Drittel aller Mahlzeiten gemeinsam eingenommen werden, liegt der Wert in Japan und Südkorea – letzteres mit der höchsten Suizidrate aller OECD-Länder – am unteren Ende. Dort ist beim Essen nicht selten nur das Smartphone der „Gesprächspartner“.


Doch auch in Ländern wie den USA, Australien oder Deutschland wird heute deutlich häufiger allein gegessen als noch vor einigen Jahren. In den USA ist bei den 18- bis 24-Jährigen die Wahrscheinlichkeit, an einem beliebigen Tag Frühstück, Mittag- und Abendessen allein zu sich zu nehmen, inzwischen um 90 Prozent höher als 2003.


Für diese „Alleinesser“ bringt bereits eine einzige gemeinsame Mahlzeit spürbare Effekte: Sie sind an diesem Tag zufriedener und empfinden weniger Stress und Traurigkeit. Werden mehrere Mahlzeiten gemeinsam eingenommen, kann der Glückszuwachs so groß sein, als hätte sich das Einkommen verdoppelt – ein beachtlicher Befund, oder?


Die klare Botschaft des Reports lautet: Soziale Interaktion beim Essen steigert das Wohlbefinden.

Erst kürzlich durfte ich erfahren, dass dabei nicht zwangsläufig gesprochen werden muss. Bei einer Übernachtung in einem buddhistischen Tempel in Korea habe ich erlebt, wie Mönche ihre Mahlzeiten schweigend einnehmen – und dies dennoch als tief verbindend empfinden.


Ein Mönch, mit dem ich mich nach der Morgenzeremonie um 4:30 Uhr beim Warten vor dem Speisesaal unterhielt, antwortete auf meine Frage, ob sie manchmal auch allein essen:
„Nein, wir essen immer zusammen. Das gemeinsame Mahl hat eine spirituelle Dimension der Verbundenheit, auch ohne Worte. Reden würde den Geist nach außen ziehen. Schweigen lässt uns die Sinneseindrücke und die Dankbarkeit für das Essen, für die anderen Mönche und Gäste wahrnehmen.“
 


Man könnte also sagen: Das Schweigen öffnet hier den Raum für eine tiefere Form der Kommunikation – nicht über Gedanken und Worte, sondern über reine Präsenz. Eine gelebte Meditation. (Dazu liefert der World Happiness Report leider noch keine Daten.)


Ob Du Dich nun auf ein angeregtes Gespräch freust oder Dein Essen lieber in meditativer Ruhe genießen möchtest: Falls Du für Dein nächstes Mittagessen noch keinen companion hast, wäre jetzt vielleicht der perfekte Moment, jemanden einzuladen, der Dir am Herzen liegt.


Ich wünsche Dir jedenfalls köstliche Mahlzeiten in bester Gesellschaft.


Alles Liebe

Heiko