Der wenig begangene Weg nach innen
„Two roads diverged in a wood, and I –
I took the one less traveled by,
And that has made all the difference.“
„In einem Wald trennten sich zwei Wege, und ich -
ich nahm den, der weniger begangen war,
und das hat all den Unterschied gemacht.“
Aus "The Road Not Taken“ von Robert Frost (amerikanischer Dichter und vierfacher Pulitzer-Preisträger, 1874 – 1963)
Vor ein paar Wochen saß ich mit einem Freund beim Abendessen, und wir kamen auf unsere unterschiedlichen Lebenswege zu sprechen. Obwohl wir beide Chemie studiert hatten und er nach wie vor sehr engagiert in diesem Feld arbeitet, liegt meine Leidenschaft heute darin, mit Menschen zu arbeiten – als Meditationslehrer und Begleiter auf dem Weg zu spiritueller und psychischer Reifung.
Er lachte darüber, wie unverhofft ich in diese Richtung gekommen war, und zitierte den bekannten Satz aus dem Gedicht von Robert Frost, The Road Not Taken.
Obwohl dieses Gedicht sehr berühmt ist, kennen viele Menschen nur den einen – oben dargestellten - Abschnitt aus der letzten Strophe, der oft zitiert wird. Und tatsächlich wird dieser Ausschnitt gern genutzt, um zu erklären, warum jemand erfolgreich geworden sei: „Ich habe den weniger begangenen Weg gewählt. Ich habe etwas getan, was sonst keiner getan hat. Und das hat mich erfolgreich gemacht.“
Doch interessanterweise ist das nicht das, was Robert Frost mit seinem Gedicht ausdrücken wollte. Man muss nur die anderen Strophen lesen.
Das Gedicht handelt von Lebensentscheidungen. Die zwei Wege im Wald stehen symbolisch für Alternativen im Leben: Beruf, Beziehungen, Lebensentwürfe – immer muss man sich für einen Weg entscheiden und kann den anderen nicht gehen.
Das zentrale Gefühl, das diese Entscheidungen begleitet, ist jedoch
Ambivalenz, nicht Heldentum oder besonders furchtlose Entschlossenheit, wie es der berühmte Ausschnitt vermuten lässt.
Denn in den vorhergehenden Strophen steht der Sprecher lange da und weiß nicht, welchen Weg er wählen soll. Die Wege unterscheiden sich kaum! Frost schreibt ausdrücklich, dass beide Wege nahezu identisch sind:
beide „gleich genutzt“, beide „gleich mit unzertretenen Blättern bedeckt“.
Die Vorstellung, der Sprecher habe mutig den weniger begangenen Pfad gewählt, ist ein Missverständnis – eines, das Frost absichtlich ironisch erzeugt. Die vollständige vierte Strophe lautet:
I shall be telling this with a sigh
Somewhere ages and ages hence:
Two roads diverged in a wood, and I—
I took the one less traveled by,
And that has made all the difference.
Ich werde später einmal erzählen, mit einem Seufzer:
In einem Wald trennten sich zwei Wege, und ich -
ich nahm den, der weniger begangen war,
und das hat all den Unterschied gemacht.
Der Sprecher stellt sich also vor, wie er später – mit einem Seufzer – seine Vergangenheit umdeuten wird, um sie bedeutungsvoller erscheinen zu lassen.
Es ist ein Kommentar auf unsere menschliche Neigung, rückblickend Heldengeschichten zu erfinden, die Entscheidungen eindeutiger oder heroischer erscheinen lassen, als sie tatsächlich waren.
Die eigentliche Botschaft des Gedichts ist:
Entscheidungen müssen oft zwischen nahezu gleichen Optionen getroffen werden, und erst im Rückblick erzählen wir uns Geschichten darüber, wie „mutig“ oder „schicksalhaft“ unsere Wahl gewesen sei. Die Bedeutung entsteht nachträglich – nicht zwingend durch die Wahl selbst.

Advaita-Vedanta-Perspektive
Das Gedicht ist ein wunderbares Beispiel für das, was uns Advaita Vedanta im Non-Dualismus lehrt:
Die zwei Wege stehen für Alternativen im Leben.
Doch Advaita fragt:
Wer ist eigentlich das „Ich“, das glaubt zu wählen?
- Wer nimmt die Wege wahr?
- Wer steht da und leidet darunter, dass er nicht beide gehen kann?
Der Beobachter des Gedichts ist das getrennte Ego-Ich, das sich in einer Welt der Alternativen wähnt. Diese Trennung ist Mara (Ihr erinnert Euch noch an den freundlichen Dämon, der das Rad des Lebens hält) – ein Spiel der Erscheinungen. Das Ego erlebt Mangel und projiziert das Gefühl verpasster Möglichkeiten.
Der Gedankenstrom „Ich hätte auch anders leben können“ ist die Grundschwingung der Dualität. Im reinen Bewusstsein gibt es jedoch weder Alternativen noch Verpassen. Beide Wege sind „im Grunde gleich“.
Alle Erscheinungen sind aus derselben Substanz – Bewusstsein.
Der Ego-Mind hingegen schreibt Bedeutung, Wichtigkeit und Autorschaft hinein. Der Sprecher des Gedichtes weiß eigentlich, dass beide Wege gleich waren, aber später wird er daraus eine Heldengeschichte machen.
Genau das tut auch unser Ego-Mind:
- Es erschafft eine narrative Identität.
- Es schreibt sich Bedeutung zu.
- Es reklamiert Autorschaft über das, was ohnehin geschehen ist.
Die berühmte Zeile „…and that has made all the difference“ ist aus Advaita-Sicht fast humorvoll.
Das Ego sagt:
- „Meine Wahl definiert mich.“
- „Mein Weg macht mich zu dem, der ich bin.“
Advaita sagt:
Der Unterschied existiert nur im narrativen Geist – nicht im Selbst.
Im wahren Selbst, im Bewusstsein:
- gibt es keine Vergangenheit,
- keinen möglichen „anderen Weg“,
- keine Geschichte, die erzählt werden müsste.
Alles, was geschieht, ist Ausdruck desselben Bewusstseins.
Ein kleines Gedankenexperiment
Alle, die schon eine Weile mit mir meditieren, kennen das Verständnis der Non-Dualität: Es gibt nicht „mich“ und die „Welt da draußen“ – sondern nur Bewusstsein.
Um dies greifbarer zu machen, schauen wir uns eine einfache Frage an:
„Möchtest du Tee oder Kaffee?“ (einige von euch lächeln jetzt bereits, da sie die Frage kennen.)
Wir antworten: „Kaffee, bitte.“
Das sind zwei Gedanken:
- die Frage
- die Antwort
Eine interessante Betrachtung kann jetzt sein, wo eigentlich die Entscheidung für die eine der beiden Alternativen gefallen ist? Zwischen den beiden Gedanken. Aber dem wollen wir hier gar nicht nachgehen.
Interessant
ist
der
dritte Gedanke, der folgt:
„ICH habe Kaffee gewählt.“
Der Ego-Mind beansprucht die Autorschaft – durch das Wort „Ich“. Im harmlosen Beispiel ist das nur interessant. Aber bei Fragen wie:
„Warum hast du nicht die 6 im Lotto gewählt?“ führt der gleiche Mechanismus zu Leiden:
„Ich hätte anders wählen können – dann hätte ich anstatt 40 Euro 1 Million gewonnen und mein Leben wäre besser.“ Hier beraubt uns der Gedanke all der Freude über das, was
ist.

Shakespeare und die Praxis
Um glücklicher zu leben, müssen wir nicht erst vollständige Selbsterkenntnis erlangen. Es reicht, das zu üben, was Frost poetisch und Shakespeare prägnant formuliert hat:
“There is nothing either good or bad, but thinking makes it so.”
„Nichts ist gut oder schlecht – erst das Denken macht es dazu.“
Die meditative Praxis besteht darin, die Erzählung des Geistes von der tatsächlichen Situation zu trennen.
Das Jetzt ist alles, was existiert. Unser ganzes Leben entfaltet sich in und als dieses Jetzt.
Wenn wir achtsam sind, bemerken wir:
Unglücklichsein entsteht nicht durch die Situation – sondern durch die Gedanken über die Situation.
Nimm also deine Gedanken wahr. Lächle, wenn du bemerkst, dass du dir gerade erzählst, wie schwierig dein Leben sei – vielleicht weil du mit einer Entscheidung haderst. Lass den Gedanken ziehen. Was bleibt, ist das pure Jetzt – und das ist sehr viel glücklicher.
Und lächle auch, wenn du bemerkst, dass du dir erzählst, dein Leben sei großartig verlaufen, weil du den „weniger begangenen Pfad“ gewählt hast. Dann erkenne die Geschichte, die das Ego im Rückblick schreibt.
Ich habe übrigens gelächelt und nichts gesagt, als mein Freund meinte, ich hätte einen außergewöhnlichen Weg gewählt.
Denn alles ist eine Erscheinungsform des Bewusstseins – immer neu, bunt und vielfältig. Wir alle dürfen unser wahres Selbst in diesem Leben entdecken.
Ich bin sehr froh, dass ich ein Teil eures Lebens sein darf.
Ich wünsche euch eine wundervolle Adventszeit und ein ruhiges Weihnachtsfest – mit viel meditativer Zeit, um eure Gedanken zu erkennen und euer wahres Selbst wahrzunehmen.
Alles Liebe
Heiko

"The Road Not Taken“ von Robert Frost
Two roads diverged in a yellow wood,
And sorry I could not travel both
And be one traveler, long I stood
And looked down one as far as I could
To where it bent in the undergrowth;
Then took the other, as just as fair,
And having perhaps the better claim,
Because it was grassy and wanted wear;
Though as for that the passing there
Had worn them really about the same,
And both that morning equally lay
In leaves no step had trodden black.
Oh, I kept the first for another day!
Yet knowing how way leads on to way,
I doubted if I should ever come back.
I shall be telling this with a sigh
Somewhere ages and ages hence:
Two roads diverged in a wood, and I—
I took the one less traveled by,
And that has made all the difference.
***
Übersetzung (sinngemäß)
Der nicht gegangene Weg
Zwei Wege trennten sich in einem gelben Wald,
und traurig, dass ich nicht beide gehen konnte,
stand ich lang dort,
schaute einen von ihnen hinab
so weit mein Blick ihm folgen konnte, bis er sich im Unterholz verlor.
Dann nahm ich den anderen –
er schien ebenso schön und vielleicht ein wenig besser,
weil er grasig war und gegangen werden wollte.
Doch eigentlich waren beide fast gleich genutzt;
An jenem Morgen lagen beide Wege
gleich bedeckt von unbetretenen Blättern.
Oh, ich ließ den ersten Weg für ein andermal,
obwohl ich wusste, dass ein Weg zum nächsten führt
und ich wohl nie zurückkehren würde.
Ich werde später einmal erzählen, mit einem Seufzer –
dass sich in einem Wald zwei Wege trennten,
und ich den nahm, der weniger begangen war,
und das hat all den Unterschied gemacht.
