Glück ist kein Ziel, sondern ein Verb


„Es gibt keinen Weg zum Glück. Glück ist der Weg.“


Thich Nhat Hanh (Vietnamesischer Buddhistischer mänch und Lehrer, 11. Oktober 1926 – 22. Januar 2022)


Ich hatte das große Glück, in dieser Woche einem Vortrag von Mingyur Rinpoche zuhören zu dürfen. Er ist Mönch der Karma-Kagyü- und Nyingma-Linie des tibetischen Buddhismus und ein sehr lustiger und glücklich-wirkender Lehrer.
In seiner Rede sprach er von fünf Dingen, die für ihn im Leben besonders wichtig sind:


  1. Etwas für seine Gesundheit und seinen Körper zu tun.
  2. Sich selbst einen Zweck, einen Sinn im Leben zu geben.
  3. Mit Freundlichkeit, Güte und Mitgefühl zu handeln.
  4. Immer wieder etwas Neues zu lernen und neue Dinge auszuprobieren.
  5. Einer spirituellen Praxis nachzugehen, um seine wahre Natur zu erkennen.


Ich finde diese kurze Liste ganz wunderbar.


Und anders als so viele andere Listen, die wir kennen – mit den üblichen Zielen wie guter Schulabschluss, guter Beruf, Geld, Haus und so weiter – beschreibt diese Aufzählung keine Endziele.


Mingyur Rinpoche sagt nicht: Du brauchst Gesundheit, Sinn, Güte, Wissen und Erleuchtung.


Was er aufzählt, sind Verben. Dinge, die wir tun können. Es geht um das Tun, nicht um das Erreichen. Um den Weg, nicht um ein fernes Ziel.


Warum ist mir das so wichtig?


Vielleicht kennst Du auch diese Menschen, die irgendwie dauerhaft unglücklich zu sein scheinen. Für die das Glas immer halb leer ist und die Welt sich wie ein andauernder Kampf anfühlt.

Woran liegt es, dass manche Menschen nie wirklich glücklich zu sein scheinen?


Natürlich gibt es dafür viele individuelle Gründe. Krankheiten, die die Leistungsfähigkeit stark beeinträchtigen, oder psychische Belastungen wie eine Depression. Dafür hat jeder Verständnis.


Und doch begegne ich oft gesunden Menschen, die trotzdem unglücklich sind, während – paradoxerweise – manche körperlich kranke Menschen eine große innere Zufriedenheit ausstrahlen. All diese Menschen haben natürlich tausend Gründe, warum sie unglücklich sind. Und doch lässt sich häufig eine gemeinsame Tendenz erkennen:


Sie jagen ihrem Glück hinterher.


Sie können jetzt nicht glücklich sein, aber wenn sie dieses eine Ding erreichen – das Geld, die Beförderung, das Haus, den perfekten Körper, den Respekt – dann, so glauben sie, wird ihr Leben endlich in Ordnung sein.


Sie sagen:
„Ich werde glücklich sein, wenn ich die Beförderung bekomme.“
„Ich werde glücklich sein, wenn ich das Haus abbezahlt habe.“
„Ich werde glücklich sein, wenn ich in Rente gehe.“
„Ich werde glücklich sein, wenn die Leute mich endlich respektieren.“


Wie schwer ist es, diesen Menschen zu sagen:


Das, was du da jagst, wird dir nicht das geben, was du glaubst, dass es dir geben wird.


Denn wenn sie ihr Ziel erreichen, wenn sie das eine bekommen, gibt es immer das nächste. Immer.

Die Ziellinie verschiebt sich. Du denkst, du bist fast da – und dann schaust du auf, und sie ist weiter weg als zu dem Zeitpunkt, als du angefangen hast.


So laufen viele Menschen ihr ganzes Leben auf eine Ziellinie zu, die es nicht gibt und nie gegeben hat.


Ein Bekannter von mir hatte früher große Angst, dass er sich nie ein Haus würde leisten können. Heute wohnt er in einem sehr schönen Haus, das abbezahlt ist. Er dachte, er würde sich frei fühlen. Er dachte, er könnte endlich entspannen.


Weißt Du, was passiert ist?


Er hat angefangen, sich Sorgen über das Nächste zu machen: Altersvorsorge, steigende Gesundheitskosten.

Was, wenn er und seine Familie all das nicht mehr zahlen können? Was, wenn dies? Was, wenn das?

Die Angst ist nicht verschwunden, als sich seine Umstände geändert haben. Die Angst hat sich einfach etwas Neues gesucht, an das sie sich heften konnte.


Es gibt keine Ziellinie.


Du bekommst eine Sache – da kommt die nächste.
Du löst ein Problem – da taucht ein anderes auf.
So ist das Leben.


Wenn Du also darauf wartest, dass alles perfekt ist, um glücklich zu sein, wirst Du vermutlich für immer warten. Denn es wird wahrscheinlich nie perfekt sein. Irgendetwas wird immer fehlen oder nicht so sein, wie Du es Dir wünschst.


Diejenigen, die unglücklich sind, jagen weiter. Sie vergleichen weiter.

Und dann gibt es andere Menschen.


Diese Menschen haben eine Leichtigkeit in sich. Einen inneren Frieden.

Auch sie arbeiten und haben Ziele im Leben. Aber das Erreichen ihrer Ziele bestimmt nicht ihr Glück.

Für sie ist Glück kein flüchtiges Hochgefühl, sondern innere Zufriedenheit als ruhiger Grundzustand.


Sie versuchen nicht, irgendwem etwas zu beweisen.
Sie leben.
Sie sind neugierig.
Sie lernen immer wieder etwas Neues.
Sie genießen, was vor ihnen liegt.
Sie wachen dankbar auf.


Es ist nicht das Geld. Es ist nicht einmal die Familie – auch wenn all das hilft.


Es ist die Frage, ob Du Frieden mit Dir selbst gemacht hast. Ob Du aufgehört hast zu jagen und angefangen hast zu sein.


Deshalb halte ich Mingyur Rinpoches kurze Liste für so wichtig. Es geht um das Tun, nicht um ein Endziel.


Und ich möchte noch eine Sache ergänzen, die der Rinpoche vielleicht als so selbstverständlich empfand, dass er sie gar nicht extra erwähnt hat:


Das Tun findet immer jetzt statt. In diesem Moment. Das vermeintliche Erreichen eines Endziels liegt immer in der Zukunft.


Das Glück ist in diesem Moment zu finden. Nicht erst irgendwann.

Alles, was wir tun, tun wir jetzt. Das, was jetzt geschieht, ist der Weg des Lebens. Es gibt keinen anderen.

Es geht darum, im Tun dieses Moments Frieden und Zufriedenheit zu finden – nicht darum, irgendwann ein Ziel zu erreichen, das uns Glück verspricht.


Probiere es aus. Ja, jetzt.

Atme jetzt tief in den Bauch ein. Spüre die Energie, die in Dich einströmt.

Atme lang aus und spüre der Ruhe in Dir nach.


Wie fühlt sich das für Dich an?

Atmen – das Tun in diesem Moment. Gut, nicht wahr?


Du atmest immer nur jetzt. Du kannst nicht für die Zukunft atmen.


Dieses Glück, das Du gerade vielleicht spürst, ist jetzt.

Und es ist Deine Freiheit, es in jedem Moment wieder zu spüren.


Solange ich glaube, mein Glück hängt von äußeren Umständen ab, gebe ich meine Freiheit aus der Hand.


Echte Freiheit ist, nichts außerhalb von Dir zu brauchen, damit es in Dir glücklich ist.


Glück ist keine Belohnung am Ende des Weges. Es ist die Art, wie wir gehen.


Alles Liebe

Heiko