Ein Osterei und die Stille, aus der alle Wege entspringen
„Für das kosmische Bewusstsein, das nicht durch das Ego begrenzt wird,
gibt es nichts von sich selbst Getrenntes, und es ist bloß gewahr.
Das ist, was die Bibel mit ‚Ich bin, der ich bin' meint.“
Ramana Maharshi (1879–1950)
„Mögen Sie auch noch ein Ei?"
„Mögen Sie auch noch ein Ei?", fragt mich die Apothekerin – und lässt mich für einen kleinen Moment sprachlos zurück. „Ach so …", lächle ich, als ich das hartgekochte Osterei in ihrer Hand entdecke, und lehne dankend ab.
Ja, es ist Ostern. Das höchste christliche Fest – und ich bin in meiner Heimat Deutschland.
Im Christentum wurde das Ei zum Symbol der Auferstehung: Wie ein Küken aus der harten Schale schlüpft, so soll Christus aus dem Grab hervorgegangen sein. Doch es gab auch einen sehr praktischen Hintergrund: Im Mittelalter war während der Fastenzeit das Essen von Eiern verboten – die Hühner legten aber trotzdem fleißig weiter. Die angesammelten Eier wurden dann zu Ostern, dem Ende der Fastenzeit, gekocht und bunt bemalt, um sie von frischen zu unterscheiden.
Der Besitzer des Obst- und Gemüseladens in meinem Ort ist türkischer Abstammung. Er erzählte mir, dass es auch in der Türkei und einigen anderen muslimischen Ländern den schönen Brauch gibt, zu Nowruz – dem persischen Neujahr, dem Frühlingsanfang – bunt bemalte Eier auf den Festtisch zu stellen. Den sogenannten Haft-Sin-Tisch.
Zwei verschiedene Religionen, und doch so viele Berührungspunkte.
Während ich darüber nachdachte, fiel mir ein Gespräch mit einer lieben Freundin und Meditationsschülerin von vor einigen Tagen ein.
Sie ist – durch ihr Elternhaus geprägt – eine gläubige Christin, die regelmäßig in die Kirche geht und auch zu Hause mit ihrer Familie betet. Dieser Glaube gibt ihr tiefen Halt.
In meiner letzten Meditationsstunde sprach ich darüber, dass Meditation im Kern nichts anderes bedeutet, als uns des „Ich bin" bewusst zu werden – unseres tiefsten Seins, das hinter all den Objekten des Lebens ruht. Dieses „Ich bin" ist das stille, reine Gewahrsein, das allen Gedanken, Gefühlen und Wahrnehmungen zugrunde liegt.
Eine Erkenntnis überraschte meine Schülerin – wie so viele Meditierende: Dieses „Ich bin" ist keine Erfindung moderner Meditationslehrer. Es ist kein Konzept, das in indischen Ashrams entstanden und von dort in die westliche Welt exportiert wurde. Es ist vielmehr eine Erkenntnis, die Menschen in allen Kulturen, in allen Zeitaltern und in allen großen spirituellen Traditionen gemacht haben – unabhängig voneinander, und doch in bemerkenswerter Übereinstimmung.
Diese Übereinstimmung ist kein Zufall. Sie deutet darauf hin, dass das „Ich bin" keine religiöse oder kulturelle Konstruktion ist, sondern eine direkte Beschreibung dessen, was jeden Menschen erwartet, der tief genug in die eigene Stille eintaucht.
Die älteste Quelle des Westens
Einer der frühesten und eindringlichsten Belege findet sich im Alten Testament – im zweiten Buch Mose, Kapitel 3. Mose steht vor dem brennenden Dornbusch und fragt Gott nach seinem Namen. Die Antwort, die er erhält, ist keine gewöhnliche Namensnennung. Gott antwortet: „Ich bin, der ich bin" – auf Hebräisch Ehyeh asher Ehyeh. Und er fährt fort: „So sollst du zu den Israeliten sagen: ‚Ich bin' hat mich zu euch gesandt."
Diese Worte haben Theologen über Jahrtausende beschäftigt. Aber für jeden, der die Erfahrung des reinen Gewahrseins kennt, klingen sie sofort vertraut. Gott nennt sich nicht beim Namen, nicht beim Amt. Er benennt sich als reines Sein – als das unbedingte „Ich bin", das keiner weiteren Erklärung bedarf.
Es ist dieselbe Erfahrung, die Ramana Maharshi, der große indische Meditationslehrer, Jahrtausende später beschrieb, wenn er seine Schüler einlud, der Frage „Wer bin ich?" bis zu ihrem Ursprung zu folgen – bis zu jenem stillen Punkt, an dem nur noch das reine „Ich bin" übrig bleibt.
Der mystische Kern aller Traditionen
Was das Alte Testament andeutet, wird in anderen Traditionen noch deutlicher ausgesprochen.
Im Hinduismus, der wohl ältesten lebendigen spirituellen Tradition der Welt, ist Nicht-Dualität kein Randphänomen, sondern das Herzstück der Upanishaden. „Tat tvam asi" – „Das bist du" – lautet eine der großen Aussagen der Chandogya Upanishad. Gemeint ist: Das universelle Bewusstsein, das allem zugrunde liegt, und das individuelle Gewahrsein, das du in der Meditation erfährst, sind nicht zwei verschiedene Dinge. Sie sind dasselbe.
Im Buddhismus wird dies mit größerer Behutsamkeit formuliert – der Buddha vermied bewusst metaphysische Festlegungen über ein „Selbst". Und doch zeigt die Erfahrung, auf die er hinweist, in dieselbe Richtung. Im Dzogchen, der tiefsten Lehre des tibetischen Buddhismus, wird Rigpa beschrieben – ein reines, nicht-duales Gewahrsein, das immer schon da ist und das durch Meditation nicht erschaffen, sondern lediglich erkannt wird. Im Zen spricht man von Kensho oder Satori – dem direkten Erkennen, dass die gefühlte Trennung zwischen dem Einzelnen und dem Ganzen eine Illusion ist. Die Worte sind verschieden, die Erfahrung ist dieselbe.
Auch der Islam kennt diesen Kern – außerhalb seiner orthodoxen Mitte, im Sufismus. Der andalusische Mystiker Ibn Arabi lehrte im 12. Jahrhundert die Wahdat al-Wujud, die „Einheit des Seins": Alles Existierende ist eine Manifestation des Göttlichen, und die wahrgenommene Getrenntheit ist nichts als ein Schleier. Noch unmittelbarer formulierte es Al-Hallaj mit den Worten „Ana'l-Haqq" – „Ich bin die Wahrheit", „Ich bin Gott". Diese Aussage kostete ihn im Jahr 922 das Leben. Sie ist in ihrer Direktheit kaum von „Aham Brahmasmi" zu unterscheiden – „Ich bin Brahman" – jener zentralen Aussage der Advaita Vedanta.
Im Christentum begegnet uns derselbe Kern vor allem in der mystischen Tradition. Meister Eckhart, der deutsche Dominikaner des 13. Jahrhunderts, formulierte es mit einer Klarheit, die bis heute berührt: „Das Auge, mit dem ich Gott sehe, ist dasselbe Auge, mit dem Gott mich sieht." Auch er bewegte sich damit an den Grenzen dessen, was die Kirche tolerieren konnte – denn diese Worte lassen keine absolute Trennung zwischen dem Betenden und dem Angebeteten zu. Im Johannesevangelium spricht Jesus selbst: „Ich und der Vater sind eins."
Die mystische Kabbala des Judentums beschreibt Ein Sof – das grenzenlose Göttliche, aus dem alles entsteht und in das alles zurückkehrt. Und der Taoismus schließlich, in der schlichten Sprache des Laotse, weist auf das Tao hin – jenes namenlose Prinzip, das allem zugrunde liegt und das, sobald man es benennt, bereits verfehlt ist.

Was das für unsere Praxis bedeutet
Diese Übereinstimmung quer durch alle Kulturen und Jahrhunderte ist mehr als eine interessante historische Beobachtung. Sie ist eine Einladung – und eine tiefe Ermutigung.
Was du in der Stille deiner Meditation erfährst, wenn das Denken sich beruhigt und nur noch das reine Gewahrsein übrig bleibt, ist keine exotische Erfahrung, die einem bestimmten Glaubenssystem vorbehalten wäre. Es ist die tiefste Erfahrung, zu der Menschen fähig sind – und sie wurde in allen Zeiten und auf allen Kontinenten gemacht. Mal nannten sie es „Gott", mal „Brahman", mal „Tao", mal „Rigpa", mal „Einheit des Seins". Aber die Erfahrung selbst – das stille, reine „Ich bin", das keine weiteren Attribute braucht – ist in all diesen Beschreibungen erkennbar.
Und das bedeutet auch: Wenn du in der Meditation auf diese Stille triffst, bist du nicht allein. Du betrittst einen Raum, den unzählige Menschen vor dir betreten haben. Einen Raum ohne Grenzen – weder religiöse noch kulturelle noch zeitliche. Er war immer schon da. Er ist das „Ich bin", das Mose hörte, das Ramana erforschte, das Meister Eckhart sah und das Laotse beschrieb, ohne es je benennen zu können.
Es ist das, was du bist.
Meine liebe Freundin sagte, dass ihr diese Erkenntnis sehr helfe – zu spüren, dass ihre Kirche, wie alle Religionen, trotz aller äußeren Unterschiede dieselbe universelle Wurzel teilt.
Äußerlichkeiten und Institutionen mögen den Blick auf das Wesentliche manchmal verdecken – und leider arbeiten sie allzu oft sogar einer Trennung zu. Aber der Kern ist für alle Religionen und alle Menschen derselbe.
Vielleicht erinnerst auch du dich in diesen Tagen daran, wenn du ein buntes Osterei siehst.
Alles Liebe
Heiko

