Jetzt


„Vergangenheit und Zukunft bestehen nur, indem sie sich an die Gegenwart klammern. Während sie geschehen, sind auch sie nur die Gegenwart.“


Sri Ramana Maharshi, indischer spiritueller Lehrer (1879 – 1950) - aus Uḷḷadu Nāṟpadu, Vers 15


Nach einem kurzen Nickerchen schaue ich aus dem ovalen Fenster. Draußen ziehen sanfte weiße Wolken vor einem makellos blauen Himmel vorbei. Ich sitze im A380 der Singapore Airlines, auf dem Weg von Singapur nach Frankfurt, wo ich auch gerade diese Zeilen schreibe.
Zum Nickerchen hatte ich meine Uhr abgelegt, und nun habe ich absolut keine Ahnung mehr, wie spät es ist. Es ist ein Tagesflug – gegen Mittag in Singapur gestartet, und weil wir nach Westen fliegen, reist die Sonne die ganzen 12,5 Stunden mit mir. Es wird draußen einfach nicht dunkel.


Dem ersten Impuls, nach der Uhr zu greifen, folge ich bewusst nicht. Stattdessen lasse ich ein merkwürdiges, weiches Gefühl von Zeitlosigkeit zu. Und in mir breitet sich eine tiefe Ruhe aus, die einfach sagt: „Es ist jetzt.“


Ganz selbstverständlich stellen wir uns dieses Jetzt als einen Punkt unter unzähligen anderen vor – einen Punkt, der eben erst angekommen ist und im nächsten Augenblick schon wieder verschwindet, abgelöst vom nächsten Punkt, und dem nächsten, in einer endlosen Kette entlang einer Linie, die sich von der Vergangenheit in die Zukunft zieht. So stellen sich die meisten von uns die Zeit vor, ohne das je zu hinterfragen.

Und doch hat niemand diese Linie je wirklich erlebt. Rupert Spira fragt gerne, wer schon einmal aus dem Jetzt herausgetreten und die Linie zurückgereist ist, um nachzuprüfen, ob der gestrige Tag noch irgendwo existiert, einen Tag entfernt. Die Vergangenheit kennen wir nur als Erinnerung, die jetzt auftaucht. Auch die Zukunft kennen wir nur als Erwartung, die jetzt auftaucht. Diese Linie, entlang derer die Zeit angeblich verläuft – so nützlich sie ist, um einen Tag zu planen oder eine Geschichte zu erzählen – ist ein Konzept, das wir über die Erfahrung legen. Keine Beschreibung dessen, was tatsächlich ist.


Es ist jetzt.


Diesen Satz benutze ich in ähnlicher Form in all meinen Kursen. Du hast ihn sicher schon von mir gehört, wenn ich Meditation beschrieben habe: Meditation ist, wenn der Geist im Hier und Jetzt verweilt. Hier und Jetzt – zwei Wörter, die für alle, die neu mit der Meditation beginnen, vollkommen überzeugend klingen. „Ich bleibe im Hier und Jetzt. Dann können mich Gedanken an die Zukunft oder Vergangenheit nicht mehr aus der Ruhe bringen.“


Und doch, so einleuchtend das klingt – jeder, der meditiert, merkt früher oder später, wie schwer es tatsächlich ist, dauerhaft im Jetzt zu bleiben, ohne vom Gedankenstrom irgendwohin in der Zeit mitgerissen zu werden. Das ist zum Teil einfach Übungssache, und nach einigen Sitzungen stellen wir fest: Es wird leichter, länger im Jetzt zu verweilen.


Doch dann, nach einiger Zeit der Meditation, vielleicht in einem der fortgeschrittenen Kurse, passiert etwas anderes. Ein neuer Gedanke schleicht sich ein: „Wann mache ich endlich Fortschritte? Wann bekomme ich diesen ‚erwachten‘ Blick auf die Welt?“ Ganz still und leise hat sich der Geist ein neues Ziel gesucht – irgendwo in der Zukunft: die Erleuchtung.


Wenn ich in den Vipassana-Kursen sage: „Bleibt im Hier und Jetzt“, dann nicken alle. „Klar, das haben wir schon oft von Heiko gehört. Aber wann kommt jetzt endlich die Veränderung? Vielleicht bringt die heutige Sitzung ja den Durchbruch …“
Du merkst es selbst – das ist alles andere als im Jetzt zu sein.


Ähnlich ist es, wenn ich versuche zu erklären, was „Erleuchtung“ eigentlich ist. Im Kern nichts anderes, als dass wir Bewusstsein sind – und immer waren – und dass dieses Bewusstsein sich seiner selbst wieder bewusst wird. Wir nehmen uns einfach wieder selbst wahr.

Wir sind aber doch längst dieses Bewusstsein. Wenn ich dich frage: „Bist du?“, dann antwortest du: „Ja, ich bin.“ Du bist dir deiner selbst bewusst – zumindest in diesem kurzen Moment, in dem ich dich danach frage. Wir alle sind bewusst, wir sind alle bereits „erleuchtet“. Jetzt, in diesem Augenblick. Auch hier nicken alle, finden es wunderbar – nur um zwei Meditationen später doch wieder die Erleuchtung irgendwo in der Zukunft zu suchen.


Alan Watts hat dies einmal so beschrieben: Unser Leben ist ein endloser Kreislauf, in dem der Sinn immer woanders liegt. Nie genau hier. Nie jetzt. Wir gleichen Menschen, die einen Roman lesen und sich nur für die letzte Seite interessieren. Also überfliegen wir, blättern hastig weiter, verpassen dabei die ganze Poesie, das Drama, die schönen Beschreibungen – nur um endlich zu erfahren, wie es ausgeht. Und wenn wir dort ankommen, klappen wir das Buch zu und fragen: „War das schon alles?“

Dabei lag der ganze Sinn des Buches im Lesen selbst, im Durchleben. Wir verpassen das Eigentliche.


Das JETZT.

Das ist es – JETZT – dieser Moment! Du bist es.


Der Gedanke, dass da noch etwas kommen muss, irgendwann in der Zukunft, mit mehr Übung, mehr Anstrengung – das war schon immer nichts anderes als eine schöne Fantasie. Eine Illusion.


Stell dir einmal vor, es wäre genau dieser Moment. Und dass jeder andere Moment heute genau das auch schon war: Erleuchtung. Stell dir vor, dieser Moment jetzt ist so gut, wie es jemals werden wird. Das ist es. Jetzt.


Der sicherste Weg, die Stille des Bewusstseinsraumes niemals zu spüren – niemals „aufzuwachen“ – ist wohl der Glaube, dass da noch etwas anderes kommen muss. „Dies hier ist es nicht. Noch nicht. Ich komme zwar näher, aber Erleuchtung muss sich doch anders anfühlen.“ So halten wir die Illusion am Leben.


Selbst in den Non-Duality-Kursen, in denen ich versuche, das „Einssein“ erfahrbar zu machen, wird es immer mal wieder als schönes Konzept missverstanden. Wenn alles eins ist – was soll dann noch kommen? Wenn alles eins ist – wie könnte ich es dann nicht sein? Wenn alles eins ist – wie könnte ich etwas anderes sein als das?

Du bist schon das Eine. Jetzt – immer.


Und wie lebt man das nun? Was müssen wir tun, um nicht einer vermeintlichen Zukunft hinterherzurennen? Wir müssen gar nichts tun. Das ist der eigentliche Witz daran. Du kannst dich auch nicht bemühen, spontan zu sein. Du kannst dich nicht anstrengen, mühelos zu sein.

Nimm mich beim Wort: Du bist – hier und jetzt. Lauf nicht dem Glück in der Zukunft hinterher, nur weil du glaubst, hier sei es noch nicht, das könne es doch einfach noch nicht sein.


Gib den Gedanken an etwas anderes auf. Das ist es! Hier und Jetzt. Glück in diesem Moment.


Und falls du meinst, dass das, was ich dir hier beschreibe, und die Meditationen und Übungen, die wir zusammen machen, irgendwie noch nicht reichen – dann habe ich noch einen kleinen Tipp: Buche einen Tagesflug von Singapur nach Frankfurt. Mach ein kleines Nickerchen, ohne Uhr. Und schau dann zeitlos aus dem Fenster, den Wolken beim Vorbeiziehen zu. Jetzt. In diesem Moment. Glück.


Du siehst mich lächeln – denn du brauchst den Blick aus dem Flugzeug ganz sicher nicht. Halte einfach inne. Fühle, dass du bist. In diesem Moment. Das ist es. Jetzt!


Alles Liebe,

Heiko